Deutsche Post ≠ Deutsche Post

Wednesday, February 24, 2021 at 5:42 PM UTC

Ich musste knapp 49 Lenze alt werden, um zu lernen, dass die gute alte Deutsche Post nicht mehr existiert. Nein, wirklich nicht. Es gibt sie nicht mehr. Es mag Leute geben, denen das bekannt war, mir jedoch nicht. Was ich wusste ist, dass es neben der Postbank (Deutsche Bank) und DHL (Pakete) ja auch noch die Briefzustellung gibt, und die war, ist und bleibt für mich eben "die Post". Es ist ein Gattungsbegriff, genauso wie das Logo mit dem Posthorn. Aber: weit gefehlt. Um es noch komplizierter zu machen, stellen ja seit geraumer Zeit die Briefträger auch Sendungen von z.B. Amazon zu, sogenannte Warenbriefe. Das sind Sendungen, die gerade noch in den Briefkasten passen. Meine Briefzusteller hier sind meist so nett, dass sie klingeln und mir das Ding direkt in die Hand übergeben statt es einzuwerfen. Damit sind sie umso mehr für mich "die Post". "Hurra, hurra, die Post ist da" - wie gesagt, ein Gattungsbegriff wie Tempo, Zewa oder LEGO (Achtung, noch kein Gattungsbegriff und gerade sehr dünnes Eis Wink)

Ich habe heute im Briefkasten eine Sendung vorgefunden. Von Amazon. In einem Warenbrief (brauner Amazon-typischer Umschlag). Leider ohne Inhalt, der Umschlag an der Seite total aufgerissen. Ich unterstelle keine Absicht, wahrscheinlich war der Inhalt einfach zu groß und fest (es war eine Rolle Lötzinn) und beim Verladen oder Umladen ist das eben kaputt gegangen. Kommt vor.

Jetzt bin ich aber ein selten dämlicher Hund und habe doch tatsächlich versucht, die Sache selbst in die Hand zu nehmen anstatt diese Reklamation über Amazon abzuwickeln.

tl;dr - macht es nicht.

Ganz ehrlich: um den Warenwert ging es hier nie, das waren keine 8 Euro. Es ging ums Prinzip. Wahrscheinlich auch so eine Eigenheit, die mit dem Alter kommt. Wie gesagt, ich habe versucht, das mit der Post zu klären. Website aufgerufen, Nummer gefunden, angerufen. Hotline-Mensch sagt, ich müsste eine Schadensmeldung "auf der Post" machen, ein DHL-Paketshop z.B. wäre dafür nicht geeignet (schade, ich habe hier einen 50m entfernt). Meine nächste "Post" ist das ehemalige Hauptpostamt in Dresden in der Neustadt an der Königsbrücker Straße, kennt jeder hier. Ich weiß, dass es keine Post ist, weil mir das schon mehrmals dort gesagt wurde. Immer, wenn es um etwas mehr als nur Pakete abgeben oder abholen ging, wurde mir das vorgetragen: "wir sind keine Post, wir sind die Postbank mit Paketannahme" - aha. Für mich ist es die Post (und auch DHL!), alleine schon weil draußen am Gebäude und innen an jeder Wand alle 3 Logos prangen. Es ist schon seltsam, wenn man auf das "Deutsche Post"-Logo schaut während ein Mitarbeiter dort den Satz "wir sind keine Post" ins Ohr flötet. Muss so ein Alman-Ding sein.

Die Mitarbeiterin (noch freundlich) verschwindet und kommt mit einem grauen Formular wieder (mit DHL Logo drauf LOL). Bevor sie sich aber wieder an mich wendet, bespricht sie kurz mit ihrem Kollegen am Nachbarschalter die Details. Es folgt der Satz "Das [Formular] sollte das richtige sein. Das bitte ausfüllen und an die Post senden" - wie bitte? Auf meinen Hinweis, dass ich ja schon hier stehe und es dann ja einfach abgeben könnte, folgte (wieder einmal) der Merksatz: "wir sind keine Post...". Auf meinen Hinweis, dass es mir als Kunde scheißegal ist, wie das Unternehmen intern strukturiert sei, und ich lediglich den Schildern folge (Stichwort "single point of contact") folgte abermals Stille. Nachfrage: "ok, was kann ich jetzt tun?" - "Gehen Sie zu einer Postfiliale" - das ist an Absurdität kaum zu toppen. Das Beste kommt jetzt: auf meine Frage, "ob das jetzt Raketenwissenschaft sei, sowas wie "verlorene Sendungen" oder "beschädigte Sendungen" zu behandeln, folgte der legendäre Satz: "sowas kommt ja quasi nie vor, höchstens ein Mal im Jahr". Bitte? Bei ca. 3 Mrd. Paketsendungen nur in der Vorweihnachtszeit soll das selten vorkommen?

Diese Aussage ist so als wenn ein Deutsche-Bahn-Schaffner sagen würde: "Verspätungen? Kommen ganz selten vor, höchstens 1 oder 2 Mal im Jahr".

Total überfordert fragte ich dann: "und wo ist dann die nächste Post?", woraufhin der Kollege vom Nachbarschalter sich wieder einmischte, eine wilde Geste mit seinen Armen in die Höhe machte und laut sagte: "in der Luft, in der Luft ist die Post". Entweder waren die besoffen oder als Postbänker verlernt man die Kinderstube. Als Abschluss gab es noch ein Zettelchen mit einer Telefonnummer. Ratet mal: die Nummer, die ich zuvor schon genutzt hatte...

Es hat schon was von Loriot. Eigentlich schade, dass ich nicht den ganzen Dialog aufgenommen habe - es war köstlich. Am besten noch als Video, um die hochgerissenen Arme des Kollegen nebenan dokumentiert zu haben. Das nächste Mal dann Laughing roll

Nächster Halt: nach hause und die Hotline erneut bemühen. Diesmal sagte man mir, dass es eine "echte" Postfiliale sein muss, nur die könne die Schadensmeldung aufnehmen. Nachfrage: "wo ist die nächste?" - "Da und dort".

Ok, gemeint war ein Tabakwarenladen im Simmel (das ehemalige DVB-Hochhaus am Albertplatz) - das ist in der Neustadt ein ganzes Center mit EDEKA (Namensgeber Simmel), Medimax und Rossmann. Man kennt es hier. Dort gibt es eben diesen typischen Zeitungs-Tabak-Lotto-Laden, der eben auch "irgendwie" eine Post ist (Posthorn-Logo auch hier am Start). Auf der Karte der Standorte auf der Website der "Deutschen Post" (sic!) - ja, es gibt sie nominal doch noch - wird dieser Laden dann auch als "Postfiliale" mit Nummer geführt. Wunderbar, gleich hin - sogar schon mit ausgefülltem Formular!

Ratet wieder: Schadensmeldungen gingen hier nicht, da sie keine Postfiliale seien.

OB IHR MICH VERARSCHEN WOLLT HAB ICH GEFRAGT! Angry

Jetzt kommt's: der Mensch dort verwies mich dann auf die Postfiliale in der Hauptstraße. Zur Info: die Hauptstraße kenne ich sehr gut, da ich dort früher täglich zum Mittag gegessen habe. Von einer Postfiliale aber wusste ich nichts, und tatsächlich, die ist brandneu. Von dem DHL-Paketshop (Achtung, keine Postfiliale!) in der Neustädter Markthalle (ebenfalls Hauptstraße) wusste ich aber.

Nun gut, haltet euch fest: diese "neue" Postfiliale ist gar keine sondern ein Schreibwarengeschäft - das ich auch sehr gut kenne, mit dem ehemaligen Betreiber sogar "per Du" war. Nun ist dort alles anders, alles neu bewirtschaftet und mit Post. So ähnlich wie der Tabakladen im Simmel. Aber eben nicht wirklich. Der war ja keine echte Post. Dieser Schreibwarenladen ist irgendwie eine "echte" Post. Verstanden, Kinder? Post ist nicht Post und die Postbank schon mal gar nicht, auch dann nicht, wenn sie für DHL Pakete annimmt. Ist doch ganz logisch, habt euch nicht so!

Dort habe ich dann den beschädigten Umschlag samt Formular abgegeben. Es folgte noch der Hinweis, dass er mir ja nun nix mitgeben könne, da ich das Formular nur 1 Mal ausgefüllt hätte. Ähm ja, das ist richtig, alles andere wäre auch sinnlos. Warum sollte ich mir selbst ein Formular ausfüllen zur Mitnahme? Und: falls es doch hart auf hart kommt, dann drucke ich es mir zuhause eben nochmal aus - und fülle es aus. Oder auch nicht. Kannste Dir nicht ausdenken. Ich denke, dass der Kollege dort alles sofort in der Rundablage verschwinden ließ. Immerhin gewinnt er den Preis für geilsten Spruch des Tages: "Die Deutsche Post ist ein Dienstleistungsunternehmen, das hat mit Service nix zu tun".

Nach dieser "wertvollen" Erfahrung startete ich nun den Erstattungsprozess bei Amazon. Per Chat mit einer KI. Nach 2 Minuten, zack bumm, Erstattung läuft, alles gut.

Lessons learned: versendet und lasst euch besenden - nur nicht mit der Post, weil: die gibt es nicht.





Latest comments to this post

Erik Schwalb wrote on 24.02.2021, 19:29

Die besten Geschichten schreibt eben doch immer noch das wahre Leben. Ich habe Tränen gelacht. Danke! Laughing roll

 Link to this comment

Leave a comment right here