Bananen-Republik Deutschland

Thursday, September 28, 2017 11:03 PM UTC

Nein, es geht hier nicht um den Ausgang der Bundestagswahlen vom 24. September 2017. Dazu haben andere genug geschrieben und gepostet. Nur soviel: es ist ein Trauerspiel. Meine Wahlentscheidung hing u.a. davon ab, wie sehr sich eine Partei für das 21. Jahrhundert bezüglich Digitalisierungsprozesse, nachhaltige Energienutzung und Bildung einsetzt.

Der Bereich „Digitalisierung“ sei hier nun Gegenstand dieses Artikels.

Für die Mehrheit der Bevölkerung ist der Begriff „Digitalisierung“ eher abstrakt und es besteht kein Fokus auf einen bestimmten Bereich des alltäglichen Lebens. Was viele gar nicht wahrnehmen: die Digitalisierung hat schon vor Jahrzehnten Einzug in eines jeden Alltags gehalten, sei es die Bezahlung per Karte, den Scan von Produkten an der Kasse beim Einkauf oder beim Onlinebanking mittels mTAN oder HBCI.

Wir nehmen den Fortschritt als natürliche Erscheinung und Mehrwert wahr - solange alles reibungslos läuft.

Gerade heute musste ich jedoch mehrmals erfahren, dass es viele grundlegende Dinge hierzulande gibt, bei denen es immer noch gewaltig klemmt. In meiner Wahrnehmung ist das primär die Versorgung mit mobilem Internet, sprich 3G oder gar 4G auf meinem mobilen Endgerät. In einem kürzlich veröffentlichten Ranking landete Deutschland auf einem der hinteren Plätze weltweit - noch hinter Kolumbien, das für mich als Unwissenden überwiegend aus Dschungel besteht - sicherlich eine Fehleinschätzung.

Aber alleine in diesem Jahr habe ich die andere Welt „da draußen“ wahr genommen und gesehen, dass es auch anders gehen kann. So hatte ich Norwegen z.B. auf der Zugfahrt mitten durch den skandinavischen Urwald vom Flughafen in Oslo in die Innenstadt durchgehend 4G (=LTE) im ge-roamten Netz („Telenor“) ohne Unterbrechungen. Weit und breit kein Funkmast zu sehen.

Ein anderes Beispiel dann letzte Woche in Belgien: selbst auf dem platten Land, umgeben von Maisfeldern und Kuhweiden war LTE verfügbar - und Dank meines alten EU-Pakets auch völlig ohne Zusatzkosten (BASE/O2), wobei seit Juli ja eh keine Extrakosten mehr fürs Datenroaming in der EU anfallen dürfen.

Es zeigt aber, dass andere Länder es schaffen, eine beinahe lückenlose Versorgung mit Highspeed Internet zu gewährleisten.

Heute dann wieder einmal ein Negativbeispiel mitten in Köln: weder Vodafone, noch die Telekom, noch mein O2 hatte eine Chance. Von GPRS und Edge war alles dabei - in der Nähe der LANXESS Arena, also nicht am Randgebiet. Zwischendurch gab es dann mal kurz 3G - sodass ich wenigstens die Infos erhalten konnte, die ich brauchte (Karten-/Navigationsdaten, Kundenkontaktdaten usw.).

Ist man hierzulande unterwegs, ist es immer ein Risiko, wenn man auf Informationen „on the fly“ zugreifen will - statt sie sich vorher offline bereit zu halten. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Ein anderes Dilemma sind Prepaid-Angebote. Ich nutze zwei verschiedene Anbieter auf meinem iPad: FYVE und Blau. Beide erfüllen ihren Zweck nur mäßig. Für FYVE gibt es nicht mal eine komfortable App, um ein Guthaben aufzuladen - das geht nur über die Website. Die Blau-App immerhin reagiert spontan und nach der Aufladung ist Internet sofort verfügbar, blockiert aber nachweislich einige Dienste und Ports - somit für mich teilweise auch unbrauchbar. Warum?

Ich habe den Eindruck, als wolle man gewollt den Anschluss verpassen. Die politischen Entscheidungen aus den Wendejahren permanent als Grund vorzuschicken, man habe damals ja auf Kupfer statt Glasfaser gesetzt, halte ich für lächerlich. Das Problem ist die Privatisierung der Netze, weg von staatlicher Kontrolle. Das gilt vor allem für das Festnetz-Internet. Ohne positive kommerzielle Aussichten wird kein Dorf an das Breitband angeschlossen, ja manchmal nicht mal ein bestimmter Straßenzug in einer Großstadt. Das Thema „Grundversorgung“ ist damit abgehakt. Wenn ich die Wahl hätte zwischen der Grundversorgung mit TV oder der mit Breitband - die Wahl wäre leicht getroffen.

Für eines der reichsten Länder der Welt ist die aktuelle Versorgung mit Breitband (mobil und fest) ein Armutszeugnis und mittelfristig ein Killer unserer wirtschaftlichen und innovativen Kraft.





Latest comments to this post

Heiko Voigt wrote on 29.09.2017, 09:30

Absolut richtig. Die Diskussion ist Jahre alt und erzeugt heute noch für viele Mobilarbeiter in DE die Notwendigkeit, Offline-Anwendungen zu haben, da wir noch mehr Funklöcher als Löcher in den Strassen und Brücken haben (was eigentlich kaum geht). Bestes Beispiel: Herrenberg Innenstadt max. 150MBit Festnetz Internet via Unitymedia, T.Offline schafft nicht mehr als 16Mbit am DSL Anschluss in meiner Strasse. Wohngebiet auf der grünen Wiese: 150MBit VDSL, keine Glasfaser oder Unitymedia mit 0-max 150Mbit je nach Tageszeit. Ein Trauerspiel.

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